Antonino Cardillo

Architektur & Wahrheit

von Jeanette Kunsmann
mit Stephan Burkoff, «DEAR» no.1, April 2017, Berlin.


Antonino Cardillo inside the Specus Corallii portraited by Cyrill Matter for DEAR magazine

Bild: Cyrill Matter




Antonino Cardillo ist ein Einzelkämpfer – wobei das Wort „Kampf“ auf eine falsche Fährte führt. Seine Waffen erweisen sich als Spiel aus Illusion und Wirklichkeit, aus Form und Phantasma. Im Mittelpunkt steht für den jungen italienischen Planer nur eins: die Architektur.

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Der Erfolg eines Architekten lässt sich nicht leicht bemessen – noch weniger lässt er sich vergleichen. Legt man die Menge der realisierten Projekte und die Größe des Mitarbeiterstabs zugrunde? Oder doch die Summe der gewonnenen Wettbewerbe und Preise? Die Anzahl der Publikationen? Darüber, wie angesehen, aufstrebend oder erfolgreich ein Büro ist, wird es wahrscheinlich immer mehr als eine Meinung geben. Im Fall des italienischen Architekten Antonino Cardillo sind sich alle in einem Punkt einig: Er sei ein Betrüger.
Cardillo hat weder eine feste Büroadresse noch ein Büro im klassischen Sinne. Auch hat er keine Mitarbeiter: Der Sizilianer entwirft und plant all seine Projekte allein. Ebenso ignoriert der junge Architekt jede Form von Wettbewerben – er akquiriert seine Auftraggeber und Bauherren selbst, zum Teil aus dem Bekannten- und Freundeskreis. Seine realisierten Projekte lassen sich an einer Hand abzählen, wobei sich der Hauptteil dieser auf Innenraumgestaltungen im Bestand konzentriert: Als Ganzes gebaut hat Antonino Cardillo bisher nur das Nomura House im japanischen Takarazuka – diesen Sommer folgt ein zweites Wohnhaus am Gardasee. Man könnte also meinen, Cardillo zählt eher zur Gruppe der kleinen Unbekannten. Stimmt aber nicht. Nur wenige Architekten abseits der drei großen Stars aus der Baubranche (Libeskind, Hadid und Koolhaas) haben bisher so viel Aufmerksamkeit in der internationalen Presse und in Fachmagazinen erhalten wie Antonino Cardillo. Auch dafür gibt es mehr als eine Erklärung – allen voran steht aber der Medienskandal um seine imaginären Häuser: Seven Houses for No One.



I

Prelude


Flug von Mailand nach Palermo, Sizilien: Heimat Antonino Cardillos. Sein Name ist bekannt. Jedenfalls war er es mal. Manche haben ihn vielleicht schon wieder vergessen. Immerhin sind fünf Jahre vergangen, seit die Journalistin Susanne Beyer den jungen italienischen Architekten im Nachrichtenmagazin Der Spiegel polemisch als Hochstapler enttarnte (Römische Ruinen, Ausgabe 27/2012) und damit den Höhepunkt einer Geschichte um Wahrheit, Täuschung und Ehrgeiz setzte.
Mit kunstvoll gerenderten Photoshop-Bildern hatte Cardillo internationale Kritiker und ihre Leser mit seinen imaginären Architekturen verzaubert. Seine sieben Imagined Houses (begonnen mit dem Ellipse 1501 House in Rom im März 2007, Vaulted House in Parma, House of Convexities in Barcelona und Max’s House im französischen Nîmes 2008, Concrete Moon House und dem House of Twelves in Melbourne 2009 sowie dem Purple House in Wales vom Oktober 2011), die von vornherein als Serie angelegt waren, überzeugten nicht bloß durch perfekte Illusionen. Ihre außergewöhnliche Architektur, die Farbgebung und die Details sind so gefällig, dass die Frage nach ihrer „Echtheit“ vielleicht gar nicht gestellt werden wollte. Ihre Existenz bezieht sich auf ihren Entwurf. Und sie haben genau das bedient, was alle wollen. Dass internationale Medien nicht bereit sind, auch Entwürfe und Visualisierungen guter Entwürfe zu zeigen, sondern stets nur gebaute Realität, das wollte Antonino Cardillo nicht akzeptieren und spannt mit seinem Werk einen Bogen zwischen Realität und Traum, Wahrheit und Fiktion.
Um also das Schaffen des 42-jährigen Architekten zu verstehen, seine Gedanken, seine Herkunft, sind wir auf dem Weg nach Sizilien, landen in Palermo und fahren mit dem Auto weiter nach Trapani – ohne eine Ahnung, was uns dort erwarten wird. Warum ist er 2014 von Rom zurück nach Trapani gezogen? Auch bleiben leise Zweifel, ob das Quartett seiner Four Grottos in Wirklichkeit existiert – oder ob es sich auch bei diesen Projekten einfach nur um hyperrealistische Computerbilder handelt. Verfolgt der Architekt eine Strategie, um im Gespräch zu bleiben? Wer ist dieser Antonino Cardillo, den das Wallpaper Magazin 2009 zu einem der 30 weltweit wichtigsten Architekten kürte? Und wie kam es dazu?



II

There are no dreams without reality


Eine Wand, zwei Türen: links oder rechts – für welche Tür entscheidest du dich? Antonino Cardillo grinst und zeigt auf die rechte. Dahinter verbirgt sich ein kleiner, niedriger Raum, die Deckenhöhe: etwa zwei Meter.
Treffpunkt ist die Cattedrale di San Lorenzo in Trapani. Da steht er wirklich, freut sich, uns zu sehen. Und ja, keine fünf Schritte um die Ecke öffnet er in einer schmalen Gasse eine kleine grüne Tür – die Tür zu seinem letzten Projekt: Specus Corallii. Willkommen in der Wirklichkeit von Cardillo!
Die Korallenhöhle Specus Corallii – die vierte Grotte in der Serie des Architekten und ein Rückzugsort, abgekapselt von Welt und Wirklichkeit – verkörpert die gebaute Idee einer geheimnisvollen Architektur. Trotzdem oder gerade deshalb spielen die Räume, die Cardillo schafft, mit bekannten und vertrauten Parametern. Die kleinen Türen, die vom Flur in den Raum führen, sieht der Architekt als eine Referenz an die Welt aus Alice im Wunderland. Verstärkt wird dieses Bild durch den mit einer Höhe von nur 80 Zentimetern niedrig positionierten Türknauf aus rosa Murano-Glas (es sind nur zwei von insgesamt zwölf Griffen, die Cardillo auf einem Antikmarkt erworben hat – er selbst findet sie kitschig und genau deshalb passend). Die vier Türen sind an zwei Wänden positioniert, und so steht man besonders an der schmalen Seite vor der Entscheidung, welche Tür man öffnen soll.
Für dieses behutsam entwickelte Projekt kam Antonino Cardillo vor zwei Jahren von London zurück nach Trapani, in seine Heimatstadt. Parallel arbeitete er noch ein paar Monate an einer Ladengestaltung in der Londoner Georgian Street für das britische Label Illuminum Fragrance, deren bekannteste Kundin Kate Middleton ist. Den Raum der Kathedrale in Trapani kannte der Architekt noch aus Kindertagen vom weihnachtlichen Krippenspiel. „Aber der Ort war sehr heruntergekommen und stand jahrelang leer“, erinnert sich Cardillo. „Als ich hörte, dass die Kirche den Raum sanieren wollte, aber keine Idee hatte, entwarf ich Specus Corallii und bot den Entwurf pro bono an.“ Am Anfang stand ein Bild, ein Rendering, mit dem er den Bauherrn, den leitenden Priester der Cattedrale di San Lorenzo, überzeugen konnte. „Es gefiel ihnen, und sie haben mich beauftragt.“ Entstanden ist ein Low- Budget-Projekt, das nicht nach Low Budget aussieht.
Basis dafür sind Cardillos akribische Planung genauso wie die eingesetzten Materialien: Die Steinplatten stammen aus Trapani, ebenso der Sandstein im unteren Wandbereich, während der Putz darüber, wie auch die drei vorigen Grotten in Rom und London, aus Asche vom Vesuv besteht. Weil Pozzolana (deutsch: Puzzolane) so leicht ist, hält der Grobputz auch an der Decke. Erst durch seinen Gehalt an Kieselsäure und Kalkhydrat in Verbindung mit Wasser wird das natürliche Gestein bindefähig – Puzzolane wurden bereits im Altertum für römischen Beton verwendet. Cardillo färbt seinen Pozzolana-Putz nachträglich, so dass eine neue Raumwirkung entsteht. Und weil das Material relativ günstig ist (vier Tonnen kosten nicht einmal 800 Euro), lohnte es sich auch, die puzzolanische Vulkanasche des Vesuvs 2015 von Neapel nach London zu verschiffen. Antonino Cardillo wählt dieses besondere Baumaterial aber nicht nur wegen seiner Leichtigkeit oder aus Kostengründen. Es handelt sich hierbei um ein Material mit einer Struktur, die sich nicht rendern lässt. Doch dazu später mehr.
Mit den zwei Türen spielt der Architekt übrigens subtil auf das System der Kirche an – in diesem Projekt der Bauherr. Es ist die Entscheidung zwischen rechts oder links, gut oder böse: Gott oder Teufel. Und auch der Boden teilt sich in zwei Hälften, eine unsichtbare Mittelachse spiegelt das Muster der Steinplatten. Symmetrie, archetypische Formen und Bögen sind Elemente, die sich in Cardillos Architektur immer wieder finden.



III

Reality doesn’t exist


Antonino Cardillo arbeitet in Serien. Er dekliniert dabei einen bestimmten Aspekt Schritt für Schritt durch und baut eine Art Manifest – wenngleich nicht immer aus Stein. Bei den Imagined Houses geht es vordergründig um die Geometrie und Komposition eines Gebäudes, inspiriert von römischen Ruinen oder den Kurven der Historie. Dass seine Architektur eine über die äußere Realität hinausgehende Dimension hat, arbeitete er in seiner ersten Reihe bereits deutlich heraus – nur fehlte vielleicht die Angabe, ob es sich bei den Bildern um Fotos oder um Visualisierungen des Architekten handelte. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und virtuellen Räumen verschwimmen bei jedem Haus, die Bauplätze verortete Cardillo jedoch, auch wenn die Ortsangaben auf seiner Webseite etwas anderes behaupten, in sieben Gegenden rund um Trapani. Es seien historische Schauplätze der Odyssee, die Theorien des britischen Gelehrten Samuel Butler (1835–1902) zufolge nicht in Griechenland, sondern rund um Trapani (lateinisch Drepanum) liegen. Selbst das Ithaka Homers, Heimat des Odysseus, das gewöhnlich mit der heutigen Insel Ithaka oder einer der benachbarten Ionischen Inseln gleichgesetzt wird, wurde in der Region von Trapani angenommen, weiß Wikipedia. Für Cardillo sind solche Mythen und Fakten ein Beweis, dass auch die Geschichte nicht mehr als ein Rendering ist. Zu viele Geschehnisse wurden aus den Büchern radiert: Realität existiert nicht. Und so lebt und arbeitet der Architekt in seiner eigenen Wirklichkeit. Die möglichen Bilder dazu baut er selbst.
Schon bevor er Mitte der Neunziger in Palermo studierte, programmierte Antonino Cardillo Computerspiele und entdeckte die Architektur als eine konstruierte Realität. Später in Rom fertigte er dann Visualisierungen für weniger versierte Architekten an und verdiente damit sein Geld (er schrieb keine Doktorarbeiten, wie unter anderem im Spiegel-Artikel behauptet wird). Wenn Antonino Cardillo sich an diese Zeit erinnert, ziehen dunkle Schatten über sein Gesicht. Er war damals einer der wenigen, die so gute Darstellungen anfertigen konnten, aber er habe es nicht gemocht, die Entwürfe von anderen zu visualisieren. „Ich wollte mich auf meine Architektur konzentrieren“, erzählt er.

— Und die Computerspiele?
Ja, als ich jung war, habe ich viel und intensiv gespielt. Damals waren die Grafiken noch von geringer Qualität, die Geschichten der Spiele aber umso stärker. Heute ist es genau andersherum: Je realistischer die Spielegrafiken geworden sind, desto mehr haben die Geschichten verloren. Das interessiert mich nicht mehr.

Cardillo ist ein Perfektionist. „Ein Rendering sieht nicht aus wie ein Foto: Es bleibt immer offensichtlich ein Rendering“, sagt er. „Ich habe meine Bilder immer als Rendering gesehen.“ Der erste Kontakt zur Presse kam über World Architecture News. Das war 2007. Fünf Jahre später schrieb Susanne Beyer den viel zitierten Artikel im Spiegel, im Juli 2012. Dieser basierte auf einem anderen Artikel, den der Architekturkritiker Peter Reischer zuvor im österreichischen Falter publiziert hatte („Schöner klonen“, Falter, 9. Mai 2012): „Der Architekt Antonino Cardillo baut nur im Internet. Mit seinen Häuserfakes narrt er die internationale Presse“, beginnt Reischer seine Abrechnung, die ohne Autorisierung des Architekten erfolgte. „Peter Reischer ist immer noch so wütend auf mich“, lacht Cardillo, der sich keiner Schuld bewusst ist.

Ehrlich, ich erinnere mich nicht mehr so gut, es ist alles lange her. Und für mich spielt es auch keine Rolle.

— Wo wurden die imaginären Häuser denn zuerst publiziert?
The Cool Hunter veröffentlichte einen Artikel über das Ellipse House, der den Eindruck erzeugte, es wäre gebaut. Das war 2007.

— Aber man kann doch eigentlich sehr gut erkennen, dass es sich um Visualisierungen handelt, nicht um Fotos. Damals waren die Monitore noch schlechter, vielleicht sahen die Renderings vor zehn Jahren schon aus wie Fotos? Das Fatale war: Viele andere Magazine haben von dem ersten Artikel einfach abgeschrieben. Als Wallpaper mich kontaktierte, weil sie das Ellipse House für eine Publikation fotografieren lassen wollten, habe ich sie aufgeklärt, dass es das Gebäude nicht gibt. Also haben sie es nicht publiziert.

— Was passierte dann?
Ab einem gewissen Punkt habe ich mich über den Verlauf dieser Geschichte nur noch amüsiert: Es blieb mir auch nichts anderes übrig! Das hat viele wütend gemacht, Peter Reischer zum Beispiel. Unglaublich! Ich hatte ab einem gewissen Punkt entschieden, niemandem mehr zu antworten und mich komplett rauszuziehen. Es war für mich nicht möglich, in dieser Geschichte noch zu agieren. Es gab so viele verschiedene Ebenen der Manipulation!

— Immerhin fand das alles hauptsächlich in deutschsprachigen Medien statt ...
Ehrlich gesagt war die Debatte in Italien noch viel schlimmer als in Deutschland – La Stampa schrieb über mich eine ganze Seite. Weil die italienischen Journalisten aber die deutschen Artikel übersetzt und damit gearbeitet haben, sind eine Menge neuer Missverständnisse und Lügen entstanden. Es war eine Verwirrung von Verwirrungen.

Viele Artikel sind für Cardillo manipuliert, weil die meisten aus dem Falter oder aus dem Spiegel abgeschrieben haben. „Die Wirklichkeit ist sehr komplex, es ist schwer, alles zusammenzubringen und zu verstehen. Heute ignorieren viele Magazine meine Arbeit, vor allem Wallpaper.“ Was ist real, was ist Fake? Eine philosophische Frage. Illusionen sind je nach Wunsch und Vorstellungskraft stärker als die Wirklichkeit. Architektur manipuliert den Menschen. Manipulation ist menschlich. Und nicht nur Architekten, auch Medien müssen sich verkaufen.
Wenn Cardillo heute über seine imaginären Häuser spricht, wird er nachdenklich, wägt seine Worte genau ab – er ist auf der Hut. Dass ihm heute viele nicht mehr glauben, den Sizilianer einen Lügner und Betrüger nennen, trifft ihn. Auch die italienische Presse und viele Architekten aus Palermo oder Rom empörten sich über Cardillo und seine sieben Häuser: Häuser, die so viele begeistert haben, dabei waren sie nicht gebaut.
„Meine Wahrheit ist nicht die Wahrheit: Das ist das Problem“, sagt Antonino Cardillo. „Es hat mich frustriert, dass ich meine Architektur nicht kommunizieren konnte, wenn sie nicht tatsächlich gebaut war.“ Um Bauherren zu erreichen, fehlten dem jungen Architekten die nötigen Referenzen – eine Frage der Akquise. „Ich hatte keine andere Möglichkeit“, sagt er. Auch Mies van der Rohe und Le Corbusier haben hauptsächlich geschrieben und weniger gebaut. Es gibt keine Realität. Auch sei die griechische Kultur laut Cardillo ein Verbrechen.

— Warum?
Die Klassik ist nicht griechisch! Und die Skulpturen der Klassik waren auch nicht weiß! Im frühen 19. Jahrhundert entdeckte man, dass die Elemente und der Stuck der originalen griechischen Tempel farbig gewesen sein müssen. Der Klassizismus war also nicht weiß – im Gegenteil, er war bunt bemalt. In einer befremdlichen Art und Weise war er vielleicht sogar zu bunt.“

— Welche Rolle spielt das?
Wenn man bedenkt, dass Bewegungen der Moderne, wie das Bauhaus, diese Idee der puren Klassik aufgegriffen haben, sogar Le Corbusier, erkennt man, dass diese Interpretation der reinweißen Klassik eine singuläre Projektion der Vergangenheit ist. Für mich hat dieser Aspekt eine große Bedeutung, denn tatsächlich ist diese Attitüde der Reinheit nicht eindeutig. Es ist schon seltsam, dass auch heute noch der Minimalismus und andere Vertreter existieren, die diese Idee der reinen Architektur unterstützen.

— Aber das Bauhaus und Le Corbusier waren auch bunt – vielleicht sogar farbiger als heute.
Ja, vielleicht. Aber es geht mehr um ein Statement. Was Le Corbusier in seinen Schriften gesagt hat, unterscheidet sich enorm von seinen gebauten Projekten. Er zelebrierte die Idee von Weiß als etwas Neuem, auf eine positive Art. Was seltsam ist: Das Maison La Roche war nicht weiß, sondern beige. Aber als die Fondation Le Corbusier das Gebäude in den Siebziger-jahren sanierte, haben sie die Fassade weiß gestrichen. Weil Le Corbusier in seinen Büchern Weiß zelebrierte!

— Wenn es keine Realität gibt, an was glaubst du?
Ich glaube daran, dass wir Menschen nichts kontrollieren können. Es ist eine Illusion, wir zerstören alles durch die Annahme, wir könnten es kontrollieren und beeinflussen. Das Scheitern der Moderne basiert also auf der Arroganz, der Mensch könne diese irrationalen Kräfte beseitigen. Aber das ist nicht möglich!

— Welche irrationalen Kräfte meinst du?
Ich glaube an die Akzeptanz irrationaler Kräfte, dazu zählt auch die Liebe. Deswegen interessiert mich das Werk von Richard Wagner: aufgrund des Paradigmas von Macht und Liebe. Die Liebe scheitert, weil man sich für die Macht entscheidet. Das ist auch das Paradigma der Moderne: Liebe ist eine irrationale Kraft. Der White Cube ist eine Konsequenz von Macht.

— Und was ist mit der Macht der Liebe?
Das ist nur ein Lied! (lacht) Wer Macht hat, kann andere Menschen beeinflussen. Wer liebt, zerstört sich selbst. Aus psychologischer Sicht ist die Liebe eine sehr gefährliche Krankheit. Liebe ist nur eine Illusion. Ebenso wie die Architektur: Nur eine Illusion! Aber gleichzeitig ist die Liebe realer als die Wirklichkeit.



IV

Manipulation is human


Der Architekt, der von den Medien als Betrüger verurteilt wurde, arbeitet heute dort, wo andere Urlaub machen. Wenn die Touristen den Sommer über am Strand von Trapani die sizilianische Sonne genießen, denkt und zeichnet Antonino Cardillo seine Gebäude – wichtige Entscheidungen trifft er in seinem Büro. Büro – hatte er nicht gesagt, er hat gar kein Büro? Er grinst: „Ich kann euch mein Büro gern zeigen, wir müssen aber mit dem Auto fahren.“ Zehn Minuten später parken wir etwas außerhalb von Trapanis Altstadt direkt am Meer, laufen den Strand entlang, ein einsamer Hotelturm blickt verlassen auf den Horizont und verfällt. Auf der kleinen Landzunge dahinter stehen ein paar Mauern und Rundbögen: die Ruine einer ehemaligen Thunfischfabrik aus dem 18. Jahrhundert. In einem der beiden Türme, von denen heute nicht mehr als kniehohe Mauerreste stehen, hat Cardillo sein Büro. Tatsächlich kommt er jeden Nachmittag für eine Weile hierher, steht im Wind und konzentriert sich auf seine Gedanken. Manchmal entscheidet er sich dann für eine bestimmte Farbe – ein anderes Mal denkt er über eine Projektanfrage für die Gestaltung eines Shops nach. Er sagt ab. Flug von Palermo nach Rom: Eine Stadt, die irgendwie am Ende ist und auf einen Neuanfang wartet. Zu viele Monumente, zu viel Historie, zu viele Touristen. Massimiliano Beffa, Auftraggeber und Eigentümer des Apartments mit dem poetischen Namen House of Dust (Haus aus Staub), hat uns in seine Wohnung eingeladen, damit wir uns von der Existenz dieses Cardillos-Projekts mit eigenen Augen überzeugen können. Der Hausherr selbst bleibt unsichtbar (er arbeitet als Notar und hat wenig Zeit), uns öffnet die keiner Fremdsprache mächtige, aber umso fröhlichere Portierdame die Wohnungstür im fünften Geschoss in der Via Piemonte. Wir betreten ein Bild, das Realität wird; die oberen Wandabschnitte und die Decken sind mit graurosafarbenem Pozzolana bedeckt. Pinke Neonröhren leuchten in den dafür vorgesehenen Aussparungen der Dielen. Eine dicke Wand entpuppt sich als Küchentür, die sich durch einen leichten Druck in der Mitte dreht und den Durchgang zur versteckten Küche öffnet. Alles in allem fühlt es sich hier an, als stünde man in der römischen Stadtresidenz von James Bond.
Antonino Cardillo wollte nach dem großen Skandal von 2012 etwas schaffen, das sehr taktil, sehr physisch ist. „Ich wollte kein Rendering bauen – eine Visualisierung ist für mich nicht mehr als ein Medium“, erinnert sich der Architekt, als wir am Vorabend in einer Trattoria am Strand von Trapani sitzen. „Ich wollte eine Architektur entwickeln, die an die Vergangenheit anknüpft und diese weiterdenkt. Aber sie sollte auch provozieren. Die Idee des Staubs ist komplett konträr zur Idee eines Renderings. Das Schwierigste ist ja, eine Textur in hoher Qualität abzubilden.“ Das ist also die Geschichte hinter dem House of Dust: ein Projekt, das man nicht rendern kann. Und von dem auch nie Visualisierungen publiziert wurden, auch wenn viele genau das dachten. Die Realität ist paradox. Dichtung und Wahrheit werden manchmal vertauscht.
Cardillo ging in diesem ersten Projekt seiner zweiten Serie intensiv der Frage nach, ob sich das Obskure in der Architektur visualisieren lässt, und hat so das gebaute Gegenteil zum Rendering geschaffen. „Insofern ist es wirklich traurig, dass dies kaum ein Journalist verstanden hat“, sagt er rückblickend. „Irgendwie hat keiner das Projekt mit der Spiegel-Debatte in Verbindung gebracht, außer Tim Berge – vielleicht weil er selbst auch Architekt ist.“
In der Vergangenheit sei alles viel komplexer gewesen, meint Antonino Cardillo. Umso intensiver sind die Geschichten, die seine Visualisierungen und die Fotos seiner tatsächlich gebauten Projekte erzählen. Der Architekt spinnt mit seinen Projekten (ob real oder Fiktion) Geschichten, die aufeinander aufbauen. Er ist kein Planer, sondern vielmehr ein Wanderer, den seine bisherige Reise von Palermo nach Mailand, weiter nach Rom, nach London und zurück nach Sizilien in seine Heimatstadt Trapani geführt hat. Neben diesen physischen Orten, die Cardillo sicher auch beeinflusst haben, spielt die Vergangenheit, die Kultur- und Menschheitsgeschichte der letzten 3.000 Jahre, eine deutlich entscheidendere Rolle.

— Warum hat die Vergangenheit für dich eine so enorme Bedeutung? Was ist mit der Gegenwart?
Die Untersuchung der Vergangenheit ist eine Untersuchung des Lebens.

Außer Frage steht, dass jemand wie Antonino Cardillo Architektur überhaupt nicht als Business versteht, Bauen ist für ihn eine Suche. Aber wonach sucht er? „Ich denke, Antonino ist ein Entwerfer, der versucht, seine eigene Sprache zu finden, und der sich weigert, der Art und Weise zu folgen, wie andere Architekten und Designer heute arbeiten“, schreibt uns Ana Araujo, Dozentin an der AA London und eine Freundin Cardillos. Von ihr stammt der Name House of Dust, sie ist Expertin auf dem Gebiet der Wahrnehmung von Bildern. „Ich denke, er verlässt sich auf eine Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Architekt in der Vergangenheit zu sein, um seine berufliche Haltung zu gestalten. Die Häuser für niemanden existieren in diesem Zusammenhang, glaube ich, als Versuch, die Vision einer Architektur auszudrücken, die zu einem gewissen Grad autonom ist. Und das ist der Versuch, einen Standard zu setzen, anstatt einem Standard zu folgen.“
Cardillo hat ein Labyrinth aus Wahrheiten und Illusionen geschaffen. Es ist eine Novelle mit vielen Ebenen. Das Haus in Japan bleibt dabei eine skurrile Geschichte – ob sie stimmt? Was sich hinter den zwei Fotos verbirgt, wir werden es nie erfahren. Es gibt keine eine Wahrheit – die Realität: Sie existiert nicht. Antonino Cardillo hat sie gebaut.




— Wo ist dein Büro? Warum sollte ich ein Büro haben?

Bild: Cyrill Matter



BIBLIOGRAPHY


Jeanette Kunsmann, with Stephan Burkoff: “Antonino Cardillo. Architektur und Wahrheit”, in: «DEAR Magazin», no.1, April 2017, Berlin, pp.1,3,13,68-85.

Carolin Höfler: “Hyper Desire. Digitale Wirklichkeitsversprechen”, Gastvortrag im Interdisziplinäre Ringvorlesung “Wunsch”, Technische Hochschule Köln, June 1st, 2016, Cologne.

Carolin Höfler: “Modelle in Wirklichkeit. Die digitalen Bildversprechen von Antonino Cardillo”, Gastvortrag im Rahmen der Vortragsreihe “Konstruierte Realitäten. Zum Verhältnis von medialen Praktiken und der Konzeption von Architektur”, Deutschen Architekturmuseum, December 1st, 2015, Frankfurt Am Main.

Jeanette Kunsmann: “Neben der Realität: Über Architekturvisualisierung”, in: baunetz.de/baunetzwoche, no.397, February 2015, Berlin, pp.8-18.

Tim Berge: “Haus aus Staub”, in: designlines.de, 14.8.13, Berlin.

Maik Novotny: “Das Werben mit dem Wow”, in: derstandard.at, 7.4.14, Vienna.

Gérard Houllard: “Über die mediatisierte Repräsentation von Architektur”, in: IACSA.eu, vol.4, no.1, May 2013, Basel, pp.2-11.

Hubertus Adam: “Analogue / Digital”, in: S AM No. 10, Schweizerisches Architekturmuseum, March 2013, Basel, pp. 18,27.

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Stefano Mirti, Gioia Guerzoni: “Siamo specchi l’uno dell’altro”, in: «Opere», no.32, October 2012, Florence, pp.52-56.

Carl Zillich, Fabrizio Gallanti, Lars Kruckeberg, Wolfram Putz, Thomas Willemeit, Martin Sobota, Peter Reischer, Tobias Walliser, Volkwin Marg: “Causa Cardillo: 'Geht’s noch ohne Hochstapelei?'” in: bkult.de, 10.9.12, Berlin.

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Peter Reicher: “Grandiose Luftschlösser”, in: «NZZ am Sonntag», no.32, August 5th, 2012, Zurich, p.35.

Gabriele Detterer: “Digitale Bilder in der Architektur. Phantasie und Wirklichkeit”, in: «Neue Zürcher Zeitung», July 18th, 2012, Zurich.

Alessandro Alviani: “Cardillo, l’architetto delle case inesistenti”, in: «La Stampa», July 3rd, 2012, Turin.

Susanne Beyer: “Hochstapler Römische Ruinen”, in: «Der Spiegel», no.27/2012, July 2nd, 2012, Hamburg, pp.3,121-123.

Peter Reicher: “Schöner Klonen”, in: «Falter», no.19/12, May 2012, Vienna, pp.30-31.




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