Cardillo

Architektur

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Der Architekt als Märchenerzähler

, Berlin, 


Kirsten Wenzel argumentiert über den Fall des Journalisten Claas Relotius von der Zeitschrift Der Spiegel und Cardillos Seven Houses for No One



competitionline.com



Auch die Architektur hatte ihren Relotius. Antonino Cardillo gab Renderings als Bauwerke aus und narrte so die Fachpresse. Als Meister der Inszenierung fasziniert er die Branche bis heute.




Einführung

Wie schafft man es, den wichtigsten deutschen Preis für Reportagen zu gewinnen? Eine überbordende Fantasie und ein Gespür für das, was die Redakteure erwarten, kann hilfreich sein. So jüngst geschehen im Fall des Reporters Claas Relotius, der jahrelang Redaktionen, Jurys und das Publikum mit im wahrsten Sinne des Wortes märchenhaft schönen Auslandsreportagen hinters Licht führte und so nicht nur das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel in die tiefste Krise seit seinem Bestehen⁠[1] stürzte, sondern ein regelrechtes Beben in der Presselandschaft auslöste.

Und wie schafft man es auf die Liste der 30 weltweit wichtigsten Nachwuchsarchitekten der Zeitschrift Wallpaper? Gute Photoshop-Kenntnisse können hilfreich sein. Das beweist die Geschichte von Antonino Cardillo, der seinen ganz eigenen Weg fand, um die Öffentlichkeit auf sich und seine Entwürfe aufmerksam zu machen. Der ehrgeizige, aber unbekannte italienische Architekt versah fotorealistische Renderings von extravaganten Privatvillen mit Ortsangaben und ließ Redaktion und Publikum wähnen, es handele sich dabei um reale Gebäude.

Als Ausnahmetalent für geraume Zeit von der Fachwelt gefeiert, kam man ihm erst auf die Spur, als ein Mitarbeiter des Wiener Stadtmagazins Falter sich einmal die Mühe machte, die realen Häuser zu suchen. Im Jahr 2012 setzte dann das Nachrichtenmagazin Der Spiegel nach und schickte eine Reporterin zum Enthüllungsinterview⁠[2] mit dem Felix Krull der Entwurfsbranche nach Rom.





Dreiste Täuschung oder kühne PR-Strategie?

Auf die Frage, warum in den Zeitschriften der Eindruck entstanden sei, seine Häuser gäbe es wirklich, gestand Cardillo am Küchentisch seiner Wohnung: „Zeitschriften wollen Projekte veröffentlichen, die verwirklicht sind. Ich wollte trotzdem zeigen, wie ich mir Häuser vorstelle.“ Ein besonders großes Unrechtsbewusstsein habe er deswegen nicht. „Warum soll eine Idee verloren gehen, bloß weil kein Auftraggeber da ist?“

Er sähe seine Arbeiten, ließ er sich im Spiegel zitieren, tatsächlich als eine Art Märchen. „Da ist es auch nicht wichtig, dass die Dinge tatsächlich passiert sind. Es ist wichtig, eine Idee in die Welt zu bringen. Und es hat funktioniert, inzwischen bekomme ich Aufträge.“

Abgesehen von der unfreiwilligen Ironie, dass in beiden Hochstaplergeschichten Der Spiegel auftritt, einmal als Ankläger und einmal als Beschuldigter, unterscheiden sie sich allerdings fundamental, auch wenn in beiden Fällen die Täuschung das Vertrauen zerstörte. Das verrät vor allem etwas über die Bedeutung der Wahrheit im Reich des Designs. Denn während ein Täuschungsfall im Journalismus, der Geschichten über die soziale Wirklichkeit erfindet, eine ganze Branche in Schockstarre zu versetzen vermag, blieb die „Causa Cardillo“, der Täuschungsfall in der Architektur, der Bilder als gebaute Wirklichkeit ausgab, von wenigen kritischen Artikeln abgesehen, weitgehend folgenlos.

Cardillo führt zwar bis heute das Leben eines zurückgezogenen Exzentrikers, der, wie die Zeitschrift Dear 2017 herausfand, zum Nachdenken gern in sein „Büro“, eine verwitterte Ruine irgendwo am sizilianischen Strand, geht, doch seine Projekte erhalten ungebrochen internationale Aufmerksamkeit. Seine Renderings haben, auch weil sie gekonnt waren, ihm nicht nur Aufmerksamkeit für seine ästhetischen Visionen, sondern auch eine Art Respekt verschafft. Respekt, wie man sie eben der Urgewalt eines Künstlers entgegenbringt, der sich im Nahmen der Kunst das Recht nimmt, geltende Regeln zu brechen und Grenzen zu überschreiten.





Gegen das Establishment

So mancher freute sich insgeheim für den findigen Außenseiter, dem es gelungen war, das etablierte Aufmerksamkeitsregime zu überlisten. Das gelang auch, weil er direkt im Anschluss erfolgreiche Arbeiten realisierte. Das „House of Dust“, an dem Cardillo 2012, im Jahr seiner Entlarvung, in der Nähe der Villa Borghese in Rom zu gestalten begann, gehörte bei der 21. Mailänder Triennale zu einem der 50 Werke, die für die Geschichte der italienischen Innenarchitektur stehen. Es gäbe einfach Architekten, kommentierte Curator Beppe Finessi diese Entscheidung, „die auf magische Weise alle etablierten Praktiken wegfegen“.

Seine umstrittenen Renderings hat der Italiener mit dem besonderen Händchen für historische Verweise und dramatische Atmo-Akzente genauso wie die kritischen Artikel von damals fein säuberlich auf seiner Webseite⁠[3] dokumentiert. Kommentieren möchte er sie, wie er auf Nachfrage äußert, heute nicht mehr. Auch der Veröffentlichung seiner Bilder in diesem Artikel hat Antonino Cardillo nicht zugestimmt. Als Werkzyklus „imagined houses“ haben die Illusionswerke von damals inzwischen eine Art Kultstatus, mit dem sich selbst die Designtheorie unter dem Begriff des „digitalen Wirklichkeitsversprechens“⁠[4] beschäftigt, eine wunderbar schillernde Formulierung, die ohne Frage deutlich besser klingt als die hässlichen Worte Täuschung, Hochstapelei oder Fake.

Wenn es um Flagship-Stores in London oder das Interiordesign von stylischen Lokalitäten wie dem 2017 eröffneten Off-Club in Rom geht, ist Cardillo heute ein gefragter Mann. Über den muss natürlich selbst Wallpaper berichten und schrieb in der wohlwollenden Besprechung des Off-Clubs von Cardillo gar als „langjährigem Mitarbeiter“⁠[5]. Eine Geste, die die Täuschung von damals in einer nonchalanten Weise als unbedeutend wegwischt, wie man es sich im Fall Relotius, zumindest heute noch, kaum vorstellen kann.





Notizen

  1. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-fall-claas-relotius-hier-finden-sie-alle-artikel-im-ueberblick-a-1245066.html
  2. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-86653870.html
  3. https://www.antoninocardillo.com
  4. http://www.carolinhoefler.de /files/plakatconstructed-realities.pdf
  5. https://www.wallpaper.com/travel/italy/rome/restaurants/off-club