Cardillo

Ein Haus wie ein Tanz

Von Judith Jenner

BERLIN, Deutschland — 1 Februar 2010

H.O.M.E. 2/10

H.O.M.E. 2/10


Flamenco in Stein: Der junge italienische Architekt Antonino Cardillo baute bei Barcelona das House of Convexities — und ließ sich dabei vom temperamentvollen spanischen Nationaltanz inspirieren.

Wirbelnde Tellerröcke, heftige Rhythmen, klappernde Kastagnetten. Der traditionelle andalusische Flamenco hat viele Künstler inspiriert: Federico García Lorca zu Gedichten, Pablo Picasso zu Gemälden und Skulpturen — und den jungen italienischen Architekten Antonino Cardillo zu einem Haus. Es steht in der Nähe von Barcelona und ist umgeben von Feldern. „Ich wollte die Landschaft nicht mittels großer Fensterfronten ins Innere bringen und das Haus auf diese Weise visuell öffnen“, sagt Antonino Cardillo. „Trotzdem sollte es lichtdurchflutet sein.“ Denn Licht ist für Cardillo in der Architektur das, was für die Musik der Klang ist. „Es gibt dem Raum eine Stimme. Manchmal lässt es ihn singen, aber meist ist es unvorhersehbar. Die ultimative Bedeutung von Architektur ist für mich die Interpretation des Lichts.“

Im House of Convexities holte er das Sonnenlicht durch lamellenverkleidete Türen und Fenster mit einem Brise-Soleil-Sonnenschutz ins Innere. Dabei ließ es sich von der mediterranen Architektur inspirieren, die oft nicht auf den ersten Blick erahnen lässt, was sich im Inneren verbirgt. Von außen wirkt das Haus eher eckig, sein Grundriss erinnert an einen Boomerang. Doch im Inneren staunt man über eine kathedralenartige Deckenwölbung aus Eichenholz und eine ellipsenförmige eingezogene Etage, die sich wie ein breiter Turm in die Höhe schraubt. Sie senkt die Deckenhöhe über dem Essbereich des großen Wohnraums ab und verbindet optisch das Obermit dem Untergeschoss. Zwei Treppen führen in den halb geöffneten ersten Stock mit 130 Quadratmetern Fläche und zwei großzügigen Schlafzimmern, jeweils mit einem eigenen Zugang. Die Form des geräumigeren der beiden — mit einem integrierten Bad — erinnert an eine deformierte Spirale. Das kleinere — gedacht für Gäste, den Partner oder ein Kind — ist konventioneller geschnitten. „Die Räume sind nicht strikt nach Funktionen aufgeteilt, man kann die Zuteilung jederzeit ändern“, meint Cardillo. „Stattdessen folgen sie einer Logik von Raum und Formen.“

Im Inneren des Hauses beschränkte er sich im Wesentlichen auf drei Materialien: Eichenholz für das große Deckengewölbe, Travertin-Kalkstein als Bodenbelag und weißer Putz für die Wände. Bei der Einrichtung wirkte er ebenfalls mit. Er entwarf das eingebaute Regal im Ellipsen-Turm. Für das Wohnzimmer wählte er das cremefarbene Sofa „Tufty-Time“ von Patricia Urquiola für B&B Italia aus und den „Ball Chair“ von Eero Aarnio, der hervorragend mit den geschwungenen Formen der Architektur korrespondiert. Im Esszimmer findet sich ebenfalls ein klassisches Design-Ensemble: hellgrüne Verner-Panton-Chairs um einen ovalen Eero-SaarinenTisch. „Wichtiger als das Einzelstück ist der Dialog, in den die Möbel mit der Architektur treten sollen“, sagt der Architekt.

Antonino Cardillo ist 34 und sieht extrem gut aus, wie ein Dressman. Er gewann viele Preise für Nachwuchsarchitekten und seine Werke tauchen in Architekturbänden auf. Sein Büro befindet sich seit fünf Jahren in der Altstadt von Rom. Die historische Umgebung beeinflusst seine Arbeit. Ohne die Erinnerung und ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein, so glaubt er, sind keine guten neuzeitlichen Entwürfe möglich. „Eine große Herausforderung wäre es für mich, ein Stück moderner Architektur für diese Altstadt zu entwerfen“, sagt der gebürtige Sizilianer. „Es würde sicherlich anders aussehen als Richard Meiers Ara Pacis. Rom verdient etwas Profunderes.“

Ist es ein Zufall, dass er das House of Convexities in Spanien baute? „Mir erscheinen die Spanier momentan offener für moderne Architektur als die Italiener, was vielleicht an der kulturellen Leere liegt, die durch 40 Jahre der Diktatur entstand. Sie ist immer noch eine Warnung. Ich denke, dass wir diese tragische Situation heute in Italien erneut durchleben, wenn auch in einer anderen Form.“

Cardillo studierte Architektur an der Universität von Palermo. Großen Einfluss auf seine Arbeit hat seine Professorin Antonietta Iolanda Lima. Als Student begeisterte er sich für Frank Lloyd Wrights Architektur. „Ich bin fasziniert von Entwürfen für private Häuser. Meiner Meinung nach kann man danach die Leistung eines Architekten beurteilen.“ So gehören die Arbeiten von Frank Gehry in Los Angeles aus den Achtzigern, wie etwa das Schnabel House, zu seinen Lieblingsbauten.

Über den Bauherrn des House of Convexities möchte er nichts preisgeben, nur so viel, dass er Komponist ist — mit einem sehr großen Interesse an mediterraner Musik.

Musik und Kino sind für Cardillo die Künste, die den stärksten Einfluss auf seine Häuser haben. Aber auch alle anderen Dinge, die ihn zur Zeit des Entwurfs beschäftigen: seine Reisen, seine Beziehungen, seine Emotionen. Von daher ließe sich kein Entwurf an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit reproduzieren. Cardillo improvisiert selbst gerne am Klavier und Synthesizer, „aber ich kann nichts nachspielen“, sagt er. In Melbourne gestaltete er ein Privathaus zu den Ambient-HouseKlängen von John Foxx. Die ersten Ideen zum House of Convexities kamen ihm in Havanna, einer musikalisch pulsierenden Stadt. Auf dem Weg zurück nach Europa entstand die gedankliche Verbindung zum Flamenco, dem spanischen Nationaltanz. „Wenn Architektur Musik in Stein ist, können ihre Glieder tanzen?“, fragt Cardillo poetisch. Betrachtet man das Spiel von Licht und Schatten im House of Convexities, dann ist man davon überzeugt.


Antonino Cardillo, House of Convexities, Barcelona, 2008. CGI: Antonino Cardillo

Antonino Cardillo, House of Convexities, Barcelona, 2008. CGI: Antonino Cardillo



Source

JUDITH JENNER, ‘Ein Haus wie ein Tanz’, H.O.M.E., no. 2/10, Berlin, Feb. 2010, pp. 120–130.