Cardillo

Causa Cardillo:
"Geht’s noch ohne Hochstapelei?"

Von Carl Zillich
Mit Statements von: Peter Reischer, Volkwin Marg, Martin Sobota alias cityförster, Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit, Tobias Walliser, Fabrizio Gallanti

BERLIN, Deutschland — 10 September 2012

Bkult

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2010 hat die Zeitschrift H.O.M.E. im Rahmen eines 11-seitigen Berichts ein Wohnhaus eines jungen italienischen Architekten in Spanien veröffentlicht. Entwurfsverfasser und Fotograf ist darin Antonino Cardillo, ein 37 Jahre alter römischer Architekt, der zuvor außerdem in der Zeitschrift Wallpaper zu einem der 30 wichtigsten jungen Architekten gekürt worden war. Er hatte zahlreiche Medien erfolgreich mit seinen Entwürfen versorgt, wie die umfangreiche Liste der Veröffentlichungen auf seiner Website zeigt. Jedoch handelte es sich bei den Abbildungen um perfekte photorealistische Animationen. Im Mai hat der Wiener Falter mit „Schöner Klonen“ (Peter Reischer) dann den großen Bluff thematisiert. Im August griff der Spiegel die Story auf und konfrontierte Cardillo direkt mit den Täuschungsvorwürfen. Weitere Presseartikel sowie Diskussionen im Netz folgten. Besprochen wurde Cardillo dabei in der Regel immer nur als Person — als Felix Krull (Spiegel) oder „Meister der Illusionen“ (NZZ) — nie jedoch als System.

Dabei hält Cardillo, der alle diese Presseberichte akribisch auf seiner Website aufführt, den Architekturmedien doch nur den Spiegel vor und verweist auf ein grundlegendes Problem: Wie sollen junge Architekten an einen Bauherren geraten, ohne vorher veröffentlicht zu haben? Solange aber noch nichts Gebautes vorzuweisen ist, ist auch keine Veröffentlichung in Sicht. Ein Teufelskreis, der nur mit geschickter Hochstapelei oder — professionell formuliert — mit PR-Talent durchbrochen werden kann. Dabei kommt dem tektonischen Präkariat um Cardillo & Co eine denkwürdige Schizophrenie der Architekturpresse zu Pass: Während die meisten Zeitschriften heute nur noch realisierte Projekte veröffentlichen wollen, halten sie eine Originalberichterstattung immer öfter für überflüssig. Statt Autoren dafür zu bezahlen, sich die Gebäude anzuschauen, um sie auch aus der eigenen Erfahrung authentisch besprechen zu können, fabrizieren viele Redaktionen Artikel rein aus Pressemeldungen der Architekten und dem von ihnen mitgelieferten Bildmaterial. Aber weil Fotografen heute oft nicht mehr analog fotografieren, ist ihr Produkt genauso digital wie die Renderdatei eines Architekten.

Und genau diese Sollbruchstelle zwischen realer Repräsentation und virtueller Antizipation von Architektur hat sich Cardillo zunutze gemacht. Eine weitere Variante des Profi-Bluffs ist die Methode, sich mit all seinen Freunden unter einem Label zusammen zu schliessen, sämtliche (Studien-)Projekte auf eine Website zu stellen und sich so als global-Player zu präsentieren. Selbstverständlich gehörte es immer schon zum Geschäft der Architekten, sich als größer darzustellen, als man ist. Gebäude wie der Flughafen Tegel oder das Fernsehstudio VPRO wären sonst nie gebaut worden, und die betreffenden Architekturbüros hätten womöglich eine ganz andere Entwicklung genommen. Doch macht die Causa Cardillo deutlich, dass sich die Situation verschärft hat: Welche Umstände zwingen heute Architekten dazu, sich ein derart aufwändiges Blendwerk aufzubauen? Sollte Cardillo etwa gar als Branchen-Märtyrer der jungen Generation gefeiert anstatt als armer Lügenbaron gescholten werden? Ist seine Data Morgana letztlich nicht einfach nur Notwehr angesichts der weitestgehend chancenlosen Berufssituation junger Architekten? Professioneller Ungehorsam als legitime Überlebenstaktik? In einem Wort: Geht’s noch ohne Hochstapelei?

PS: Die Redaktion hatten auch Antonino Cardillo eingeladen, sich hier mit einem Statement zu äußern. Er hat dies aber freundlich abgelehnt, da er die Diskussion nicht weiter beeinflussen möchte.

Antonino Cardillo, Ellipse 1501 House, Rom, 2007. CGI: Antonino Cardillo

Antonino Cardillo, Ellipse 1501 House, Rom, 2007. CGI: Antonino Cardillo


Peter Reischer

Architekturkritiker, Wien

Ja … seit jeher haben junge Architekten ihren Weg gemacht und Auftraggeber gefunden. Oder sollten sie auf einmal zu faul geworden sein und sich nicht mehr anstrengen wollen? Die Ausrede mit ‚noch nicht veröffentlicht‘ oder ‚ohne Beziehungen geht das nicht‘ und die weiteren, im Leitartikel aufgezählten Argumente und Mutmaßungen sind fadenscheinig und ich lasse sie in diesem Zusammenhang nicht gelten. Irgendwie ist jedoch die Frage, ob es noch ohne Hochstapelei gehe, irritierend. Sie lenkt in eine falsche Richtung. Ich will versuchen, dem Problem auf den Grund zu gehen. Warum sind solche ‚Betrugsszenarien‘ notwendig geworden? Wir befinden uns heute in einer Welt der medialen Vernetzung (Marshall McLuhan ‚Das Medium ist die Botschaft), und ebenso in einer Welt–wie Konrad Paul Liessmann in seinem Buch ‚Das Universum der Dinge‘ es ausdrückt–des Scheins, des Anscheins, der Scheinbarkeiten. Die Medien, in diesem Fall die Architekturmagazine, verlangen ständig neue Bilder, Projekte, Sensationen um damit diese Scheinbarkeiten zu veröffentlichen. Es ein System des sich ‚gegenseitig benützens‘ und auch der ständigen Reproduktion. Und ungewollt offenbart sich mit dieser Story das gerade stattfindende Kollabieren dieses Systems. Ein weiteres Faktum ist das, eines sicherlich sehr begabten jungen Mannes (ob er überhaupt Architekt ist sei dahingestellt), der diesen Mechanismus des Bilderwahns für seine Zwecke benutzt hat. Eigentlich müsste man lachen über die Einfältigkeit, die durch diese Story zu Tage tritt: Ein Unbekannter hebelt das gesamte Architektenbrimborium aus und blamiert die Medien. Das war aber nicht sein Ziel und deswegen ist er auch noch lange kein moderner Robin Hood. Nun gilt es weniger die Gründe warum A. Cardillo diesen Weg gewählt hat zu untersuchen als die, warum der Bluff gelungen ist. Sicherlich kann man sagen, die Betroffenen hätten zu wenig recherchiert, zu wenig gefragt und vor allem zu wenig ihr eigenes Hirn eingeschaltet. Insofern ist die Geschichte eine Ohrfeige für die Journalisten und Redakteure, die bereitwillig alles ihnen Vorgesetzte hinnehmen und reproduzieren. Ein vorgefertigter Pressetext, ein kurzer oberflächlicher Blick auf Bilder und Werke–man ist ja so gut und so versiert–nur nicht in die Tiefe schauen denn das bedeutet Arbeit und Anstrengung. Bedeutungen und Inhalte werden kaum noch hinterfragt, ein Schein wird eben nur allzu bereitwillig als willkommene Wahrheit akzeptiert. Man muss aber auch eine andere Seite sehen: Ein ständiger Zeitdruck, eine quasi ‚Verpflichtung‘ zu immer mehr, zu immer größeren Reichweiten, Gewinnsteigerung und Profitmaximierung zwingt manchmal Menschen dazu, schneller als notwendig zu handeln. Eine soeben erschienene Studie eines Versuches aus dem Bereich der Hirnforschung bringt Erstaunliches zu Tage: 70% der Teilnehmer wählten unter Zeitdruck und Stress diejenige von zwei Möglichkeiten, von der sie sich eigene Vorteile versprachen (auch wenn die Lösung nicht der Wahrheit entsprach): Sie haben schlicht und einfach gelogen. Also warum besinnen wir uns nicht auf das Prinzip der Verlangsamung, auf ein Kleinerwerden, auf eine gewisse Bescheidenheit, vielleicht sogar Demut? Ließen sich damit nicht auch lokale oder globale Krisen der Ökologie und der Verteilungsungerechtigkeit lösen? Dann müsste auch ein Herr Cardillo nicht Doktorarbeiten für andere schreiben und gleichzeitig eine Architektenkarriere vorgaukeln. Dann könnte er das tun, was er vielleicht am Besten kann …

mag. arch. Peter Reischer hat Architektur an der Universität für angewandte Kunst in Wien studiert, ist Architekturkritiker und freier Journalist in Wien, seit 2010 leitender Redakteur von ’Architektur’, Österreichs auflagenstärkstem Fachmagazin für Architektur. Er schreibt u.a. für den Falter und die NZZ.

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Volkwin Marg

Architekt, Hamburg

Jein … es geht seit jeher um Wissen oder Glauben. Seit Menschengedenken wird mit allen Arten von Überzeugungskraft um Glaubwürdigkeit gebuhlt. Das tun Zauberer, Medizinmänner, Schamanen, Propheten, Priester, Sektierer, Scharlatane. Aber auch Heiratsschwindler, Propagandisten, Werbeagenturen und intellektuelle Scharlatane. Es geht ja nicht nur um die Großartige Glaubwürdigkeit von Welterklärungen, Sittlichkeitspostulaten oder Krankenheilungen, sonder auch um die kleinen Schwindelleien für das Berufsleben oder die Schmeicheleien im Liebesleben. Hochstapelei hat permanent Konjunktur, wo es darum geht, zu bluffen. Natürlich auch im Umfeld der Baukultur. Wir leben in einer Mediendemokratie, in der die mediale Überzeugungskraft Glaubwürdigkeit vermittelt, durchaus unabhängig von realen Fakten. Das wissen alle Lobbyisten. Die allgegenwärtige Produktwerbung versucht bildmächtig aus Bürgern Verbraucher zu machen. Und ein arbeitssuchender Adept der Architektur arbeitet mit schönen Bildern, nicht mit Fakten. Er akquiriert mit Verheißungen einer schönen Welt, die er wohl gerne in Wirklichkeit entwerfen würde. Bemerkenswert ist, dass solch eher schüchterne Schummelei so viel Aufmerksamkeit findet, während man beim Getöse wirkungsmächtiger charismatischer Scharlatane lieber Ohren und Augen schließt.

Volkwin Marg, geb. 1936, gründete nach seinem Architekturstudium 1965 mit Meinhard von Gerkan das Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner (gmp). Ihr erstes realisiertes Projekt ging aus dem im selben Jahr gewonnenen Wettbewerb für den Flughafen Tegel (1975) hervor. Heute ist das Büro mit Standorten u.a. in China, Vietnam und Brasilien weltweit tätig. Volkwin Marg war außerdem viele Jahre Professor am Lehrstuhl für Stadtbereichsplanung und Werklehre an der Fakultät für Architektur an der RWTH Aachen und hält zahlreiche Auszeichnungen inne.

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Architekt, Rotterdam

Ja … es nichts hilft, sich vor der Realität zu verstecken. Architektur, wie sie in Deutschland praktiziert wird, hat sich zu einem hochkomplexen Fach entwickelt, in dem vielfältige Kompetenzen gefragt sind und Bauherren zu Recht einen verantwortungsvollen und erfahrenen Umgang mit Ihrem Hab und Gut erwarten. Es gibt–zumindest in Deutschland–noch einige Wettbewerbe zu denen junge Büros zugelassen werden und in denen sie sich behaupten können. Wer das Heil im eigenen Büro suchen will, dem wird Gelegenheit geboten–auch wenn hier noch viel zu wünschen übrig bleibt. Wichtiger ist allerdings die Frage, wie wir das Vertrauen, das die moderne Architektur gerade bei privaten Bauherren durch Größen- und Originalitätswahn verspielt hat, wieder zurück gewinnen können und wir die Allgemeinheit wieder vom wertvollen Beitrag unserer Arbeit überzeugen können. Wir sollten uns dazu auch den Fragen außerhalb unseres Metiers stellen und uns auf die Suche nach relevanten und innovativen Lösungen begeben. Wenn man die Probleme der gebauten Umwelt–die es immer noch reichlich gibt–ernst nimmt, versucht, professionelle Dienstleistung mit jungen, frischen Ideen zu vereinen, und Innovation nicht mit formaler Originalität verwechselt, dann ergeben sich spannende Aufgaben und Lösungen rund um das Verstehen, Entwickeln und Steuern von Systemen, Kreisläufen und Lebenswelten mit dem Ziel ökologischen, ökonomischen und sozialen Mehrwerts. Solche Systeme lassen sich nur integral, im Zusammenspiel unterschiedlicher Disziplinen und Sektoren entwickeln. Architekten können hier auch mit ihrer synthetisierenden, visualisierenden und moderierenden Kompetenz wichtige Beiträge leisten. Wir sollten solche Chancen, das Berufsbild umzuformen ergreifen und nicht versuchen, alte Berufsbilder mit unlauteren Mitteln zu erzwingen. Wer sich wundert, dass er mit Formphantasien allein keine Auftraggeber findet, der hat–wie wohl auch einige Journalisten–nicht erkannt, dass die Realität anders aussieht.

Martin Sobota, geb. 1976, ist Gründungspartner von CITYFÖRSTER architecture & urbanism einer international agierenden Partnerschaftsgesellschaft mit Standorten in verschiedenen europäischen Ländern. CITYFÖRSTER ist aus einem Zusammenschluss von jungen Berufsanfängern in 2005 hervorgegangen und hat mittlerweile realisierte Projekte in verschiedenen europäischen Ländern vorzuweisen. Zurzeit sind u.a. ein Ministerium in Ghana und ein Wohnungsbau von ca. 12.000 m2 in Deutschland in Ausführungsplanung.

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Architekten, Berlin

„There are no shortcuts to any place worth going“, Beverly Sills (Es gibt keine Abkürzungen um lohnenswerte Orte zu erreichen)

Ja, es geht auch ohne Hochstapelei. Die Akquise durch die Presse, also das Erwirken einer Reputation aus dem Publikum, ist nicht der einzige Weg zur Kundengewinnung, wie Antonino Cardillo Glauben macht. Dieser „Ritterschlag durch die Öffentlichkeit“ ist zudem nicht zwangsläufig nur wenigen vorbehalten, sondern steht auch den Jungen immer mehr offen. Die Causa Cardillo ist eine Geschichte von der Suggestion des gebauten Projektes, vom Schein langwierig erlernter Berufserfahrung, und das geht weit über die Platzierung eines talentierten Entwurfs in der Öffentlichkeit hinaus. Publikum und Reputation sind wichtige Bestandteile der Außenwirkung, sie sollten aber nicht die Grundmotivation des eigenen Schaffens darstellen. Die Kunst des architektonischen Berufseinstiegs besteht darin, das Vertrauen eines Bauherrn zu gewinnen, ohne die eigene Vertrauenswürdigkeit im Bauen jemals unter Beweis gestellt zu haben. Antonino Cardillo beraubt sich durch seinen fotorealistischen Bluff des Glücksmoments, eben dies geschafft zu haben. Der Reifeprozess einer Firma, eines Werkes oder eines Menschen findet ausserhalb des Rampenlichts statt. „Early and unearned respect corrupts the soul“, sagte immer einer unserer Lieblingsprofessoren, Coy Howard. Durch die Causa Cardillo wird zwar eine fragwürdige Verwertungskette architektonischer Meldungen deutlich, welche kritisch zu betrachten ist. Die fehlende journalistische Kontrolle rechtfertigt aber nicht den systematischen Betrug. Die eigenen Verfehlungen mögen im Zusammenhang mit äußeren Umständen stehen, die Verantwortung für sein Handeln trägt man aber immer selbst. Zu den ästhetischen Fragen, die der Fall aufwirft, lässt sich grundsätzlich feststellen, dass die Idealisierung des architektonischen Moments Einzug in das Bild erhalten hat. Die Möglichkeiten der Technik aufgrund ihrer Gelegenheit zur Manipulation zu diskreditieren wäre hingegen falsch: Software und Computer haben inzwischen gestalterische Potenziale antizipiert, die die Architektur in vielerlei Hinsicht bereichert haben. Die Werkzeuge der Architekten trifft keine Schuld. Was letztendlich bleibt, ist die Einsicht, dass wirklich Gebautes nicht bluffen kann–der Selektionsprozess der Zeit wird darüber entscheiden, ob es bleiben darf oder nicht.

Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit haben 1998 in Los Angeles das Architekturlabel GRAFT gegründet. Schwerpunkte sind Architektur, Städtebau, Design, Musik und „the pursuit of happiness“. Mittlerweile agiert das Label weltweit mit über Einhundert Mitarbeitern und weiteren Standorten in Berlin und Peking.

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Tobias Walliser

Architekt, Stuttgart

Nein … die erste reflexhafte Antwort wäre zwar ein klares ‚Ja‘, denn dies suggeriert die Verteidigung der hehren Werte der Architektenzunft. Reflektiert sage ich aber klar ‚nein‘. Klappern hat schon immer zum Handwerk gehört, denn Architektur ist abhängig von einem Vertrauensvorschuss des Auftraggebers. Das war schon in der Renaissance so, als aufwändige Modelle gebaut wurden, die die Realität nur ansatzweise darstellen konnten. Robin Evans hat Architektur als „Handeln aus der Distanz“ beschrieben, da in jedem Schritt etwas übersetzt werden muss, von der Idee zur Skizze, vom Entwurfkonzept zur Visualisierung und schliesslich vom Gebäude zu den Plänen. Die Begrenzung dessen, was als Architektur denkbar ist, liegt also auch im gewählten Medium. Was also, wenn man damals in Frage gestellt hätte, ob die Architekten in der Lage sein würden, das Projekt auch umzusetzen? In anderen Kulturen als bei uns enstehen Projekte erst durch Bilder, die dafür erzeugt werden. Erst das Darstellen einer Vision ermöglicht Projekte. Wohnungen werden allein aufgrund von Visualisierungen angezahlt. Wer weiß, ob sie genau so realisierrt werden? Bis dahin werden viele Aspekte ein Rolle spielen, die nicht alle in der Kontrolle des Architekten liegen. Hochstapelei der Architekten oder der Projektentwickler? Zaha Hadid, eine der Architektinnen mit dem größten Einfluss auf die Branche, hat jahrelang Projektvisionen als Gemälde und Grafiken dargestellt und neue formale Ansätze in die Diskussion eingebracht. Als Kunstform okay, als Architektur Hochstapelei? Viele Wettbewerbe wurden in Qualifikationsverfahren geändert. Ob es für die Architektur besser ist, wenn immer die gleichen Akteure immer neue Versionen des Gleichen planen und realisieren? Neue Ideen und Visionen brauchen Mut zur Lücke. Täuschung liegt erst dann vor, wenn man wider besseren Wissens nicht in der Lage wäre, das gemachte Versprechen einzulösen, also als Architekt nicht das Handwerkszeug hat, diese Visualisierungen entsprechend umzusetzen.

Tobias Walliser, geb. 1970, ist zusammen mit Chris Bosse und Alexander Rieck Mitbegründer von LAVA (Laboratory for Visionary Architecture), einem Netzwerk von Kreativen mit dem Fokus auf der Verschränkung von Gestaltung und Forschung. Die Gruppe hat Niederlassungen in Sydney, Shanghai, Stuttgart und Abu Dhabi. Walliser ist außerdem Professor für Innovative Bau- und Raumkonzepte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

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Fabrizio Gallanti

Kurator und Architekt, Montréal

Jein … man könnte es einfach und ausgewogen mit Kant halten und zwei Bewertungsmaßstäbe anlegen. Der moralische Maßstab würde ja sagen, da die Handlungen von Cardillo gegen die Wahrheit gerichtet sind, weil ein Profi sich an die Regeln halten sollte und er somit falsch und verachtenswert handelt. Eine ästhetische Bewertung könnte jedoch zu dem gegenteiligen Urteil kommen, ist die Handlung doch von einer gewissen Eleganz geprägt, welche sein Schaffen rechtfertigt. Nein, er hat es richtig gemacht, wahrscheinlich unbedarft und unbewusst, weil er doch eine Geschichte fortschreibt, einen Kanon, der für Architektur angemessen ist. Architektur hat schon immer die Realität imitiert, mit der visuellen Wahrnehmung gespielt, um Inhalte zu vermitteln, die nicht real sind. Vor dem Aufkommen der Moderne in der Architektur und ihrer Rhetorik über konstruktive Ehrlichkeit hat Architektur über anspruchsvolle Repräsentationstechniken mit Illusionen gespielt. Donato Bramantes trompe l’oeuil in der Mailänder San Satiro Kirche von 1483 nutzt die Perspektive, um der weniger als ein Meter tiefen Apsis den Eindruck von Tiefe zu geben. In vielen seiner Villen im Veneto entwickelte Andrea Palladio ein konstruktives System, bei dem er gekrümmte Backsteine zur Errichtung von Säulen verwendete, die dann mit Hilfe eines marmorierten Putzes den Naturstein vortäuschen. Die Realität heute verschwimmt zwischen digitalen Medien, Baukonstruktion und fachlicher Versicherung, und deswegen ist die Imitiation eben dieser Realität gleichermaßen vieldeutig. Cardillo hat die Repräsentationstechniken unserer Gegenwart gekonnt angewendet, auch wenn er damit keine sonderlich interessante Architektur produziert hat. Aber einmal in Zeitschriften gedruckt und über Blogs und Internetseiten verbreitet sind Cardillos Renderings nicht weniger echt als die aktuelle Shopping-Mall in Singapur oder das zuletzt in Dubai errichtete Theater. Auch wenn Bramante oder Palladio für Cardillo nicht als Referenzen gelten können und sein Coup zu einer zutiefst italienischen Kategorie der bildhaften Maskerade zählt, galt meine Sympathie schon immer dem findigen Gauner statt dem reichen ausländischen Touristen, der sich gerade ein Stück des Colloseum in Rom gekauft hat.

Fabrizio Gallanti, geb. 1969 in Genua, ist Architekt und gegenwärtig Associate Director of Programs am Canadian Centre for Architecture, Montréal, und betreibt den Blog Framing Ark.

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Source

CARL ZILLICH, with Fabrizio Gallanti, Lars Krückeberg, Volkwin Marg, Wolfram Putz, Peter Reischer, Andreas Ruby, Tobias Walliser, and Thomas Willemeit, ‘Causa Cardillo: “Geht’s noch ohne Hochstapelei?”’, bkult.de, Berlin, 10 Sept. 2012.